Wie fühlt man sich eigentlich Zuhause? Fragen an Wohnpsychologin und Trendcoach Erika Mierow

"Ich habe meine Wohnung so eingerichtet, dass ich mich überall wohlfühle. Mein hauptsächlicher Aufenthaltsort ist allerdings zurzeit mein..."

WIE FÜHLT MAN SICH EIGENTLICH ZUHAUSE? FRAGEN AN WOHNPSYCHOLOGIN UND TRENDCOACH ERIKA MIEROW

Liebe Erika, hast du eigentlich einen Lieblingsraum?

Ich habe meine Wohnung so eingerichtet, dass ich mich überall wohlfühle. Mein hauptsächlicher Aufenthaltsort ist allerdings zurzeit mein (Schreibtisch)-Arbeitsplatz. Und der ist am Küchentisch, der gleichzeitig eine Art Raumteiler zwischen Küche und Wohnraum ist. Von hier sehe ich in den Wohnraum hinein und nehme bewusst die Atmosphäre, die Aufstellung der Möbel, die Farben und die ganze Komposition wahr. Da ich nach meinen Bedürfnissen eingerichtet habe, tut mir meine Einrichtung ganz und gar gut: Es ist hell und ich kann einen Teil meiner schönen Terrasse, der Bepflanzung, Bäume und den Himmel sehen. Meistens steht auf dem Schreibtisch auch noch ein Pott mit Kaffee.

Du bist Wohnpsychologin und Trendcoach – zwei Bereiche, die sich ergänzen. Wie kam es dazu?

Die Themen Einrichtung, die damit verbundene Atmosphäre und das Wohlfühlen haben mich schon immer interessiert, ich wusste es nur nicht.  Vor dreißig Jahren hatte eine Freundin gesagt: „Man merkt, dass es dein Haus ist“. Wo immer ich war, habe ich es mir so eingerichtet, dass ich mich wohlfühlen konnte. Also, im Hotelzimmer: Möbel gerückt, Bilder abgehängt. Im Gartenhaus: Dinge rausgeschmissen, Kleinigkeiten neu dazu geholt. Am Schreibtisch im Büro: immer Blumen und eine gewisse Übersichtlichkeit.

Nach vielen Jahren im Einkauf für Einrichtungs-Gegenstände kamen die Routine und eine Müdigkeit hoch. Ich mochte meinen Job: die Kontakte zu Herstellern in aller Welt und auch das Aussuchen von Produkten war toll. Aber es wurde dann zunehmend mehr für die Durchschnittskunden eingekauft. Ich konnte meine Talente, wie den Blick für Design, für Ungewöhnliches und für Details nur wenig ausleben.

Ich warf den Job hin und machte mich mit über fünfzig selbstständig. Viele sagten, es sei mutig gewesen, aber ich musste es einfach tun! Und so fahre ich heute zu allen Einrichtungs- und Design-Messen in Europa, suche nach Neuigkeiten und stelle meine Erfahrung Herstellern als auch Konsumenten zur Verfügung. Das mache ich mit Trendbüchern und Beratung. Manchmal helfe ich auch in der Produktentwicklung.

Und dann entdeckte ich irgendwann die Wohn-Psychologie. Da dies offensichtlich schon immer „meins“ war, machte ich eine längere Ausbildung in Wien. Hier lernte ich die Wohn- und Architektur-Psychologie wie die Grammatik einer Sprache, die man schon längst kennt und unbewusst anwendet.

Wie läuft eine Beratung bei dir ab?

Ich beginne die Beantwortung mal so: ich komme nicht und sage: alles falsch! Das gibt es nämlich nicht. Es ist so, dass nur ein kleiner Bruchteil der Wirkung des Wohnens offen sichtbar ist und viele unserer Wohnwünsche im Verborgenen bleiben. Und ich helfe mit wohnpsychologischen Analysen, diese aufzuspüren. Zum Glück mag ich Menschen und kann mich gut in sie hineinfühlen. Wir reden also zunächst.

Es gibt in der Wohn-Psychologie erforschte Kriterien, die sich an den universellen Bedürfnissen von Menschen orientieren. Universell heißt eben wirklich, dass diese Bedürfnisse überall vorkommen, egal wie man wohnt. Ob in einer Jurte, einer Hütte oder in einer Villa. Eine Beratung dient also allen: Bewohnern, Bauherren (-frauen), Architekten, Investoren, Wohn-Genossenschaften, an Arbeitsplätzen, Hotels, Restaurants, Krankenhäusern und im besten Fall sogar Stadtplanern.

Wir finden also bald durch die wohnpsychologischen Analysen und das Herausfinden der Bedürfnisse einen Ansatz. Wenn wir den erreicht haben, fließt es meist ganz von selbst. Das ist ein Glücksmoment! Und hilfreich ist dann oft auch, was ich durch meine Trendsuchen Aktuelles mit einbringen kann.

Nur zwei Beispiele: eine Kundin hatte ich, die bei ihrem Hausneubau mit der Küchenplanung nicht weiterkam, eine andere, die sich mit einer neugekauften Wohnzimmereinrichtung nicht wohlfühlte. Wir fanden für diese Beispiele gemeinsam gute Lösungen.

„Zeig mir dein Wohnzimmer und ich sage dir, wer du bist…“ Ist es tatsächlich so einfach, von der Einrichtung auf die Person zu schließen?

Nein. Es gibt nicht eine einzige Untersuchung, die nachweist, dass man Persönlichkeit am Stil des Wohnens ableiten kann. Jede Persönlichkeit ist eine immerwährende Entwicklung und nicht statisch. Was man aber durchaus sagen kann, ist, dass man bestimmte Teile seiner derzeitigen Persönlichkeit durch das Ausdrücken beim Wohnstil unterstützen kann. Wie auch in der Mode.

„Form follows function“ hört man regelmäßig und es gibt regelmäßig Diskussionen über den Sinn und Unsinn des Anspruchs. Gilt das auch für unsere Wohnung und die Zimmer? Sollen wir unsere Einrichtung streng nach Funktion und Sinnhaftigkeit denken?

Ohne Funktion kein Design! Da verstehe ich die Diskussion nicht. Wenn wir über ein Auto oder über eine Uhr reden, dann ist da zunächst die Funktion, die das Produkt ausmacht. Dann kommt die Gestaltung. Also: form follows function! Wenn wir dies auf Räume oder das Wohnen übertragen, hieße das, dass wir streng nach den Vorgaben des Architekten leben müssten. Z.B. müsste das Ehebett genau zwischen den angebrachten Steckdosen im Schlafzimmer aufgestellt werden. Heute werden meist Räume getauscht und anders genutzt. Jeder richtet sich die eignen Räume so ein, dass man sich dort wohlfühlt und wohnt unabhängig von der Denke des Erbauers.

Wir halten uns gerade viel mehr als üblich in den eigenen vier Wänden auf – und es fallen immer mehr Details, Ecken oder sogar ganze Zimmer auf, die nicht mehr zu unseren Bedürfnissen passen. Welche Tipps hast du, wenn es ums umgestalten geht?

 

Die ganze Wohnung umgestalten
 Fragen, was genau stört mich am Bisherigen? Was möchte ich wirklich verändern - die Wohnung oder mich? Brauche ich einen Neuanfang? Wie will und werde ich mich fühlen, wenn wirklich alles verändert wurde? Und ich rate ab, schon etwas zu Beginn der Veränderungen teuer zu kaufen, wenn man noch nicht wirklich umgebaut hat. Es lässt sich häufig das wiederverwenden, was man schon hatte und nun an anderer Stelle zum Einsatz kommt.

 

Ein Zimmer in Angriff nehmen
 Hier wurde ich vorschlagen, dass man einfach mal anfängt umzustellen und dann nachspürt, wie es sich anfühlt. Häufig kommen dann weitere Veränderungen hinzu, was wirklich Spaß machen kann und ein gutes Gefühl verleiht.

 

Die verschmähte Ecke
Nur zu! Auch hier gibt es ein gutes Gefühl des Erfolgs, wenn man sich diesem Teil zugewandt und durch Aufräumen, Entsorgen oder Leermachen vielleicht den Raum insgesamt anders wahrnimmt und sich neue Möglichkeiten ergeben.

 

Bei allen Maßnahmen ist es wichtig, sich die eigene konkrete Gestaltungsmöglichkeit bewusst zu machen. Ich glaube auch, dass es deshalb den Besuchern der blickfang-Messe schon deshalb gut geht, weil allein die Absicht etwas zu verändern schon Freude auslösen kann.

Und ein weiterer Tipp: man sollte schauen, dass man seine Blicke Zuhause immer wieder in die Natur lenken kann. Schon kleinste Momente sorgen unbewusst für Entspannung. Wenn man keine Natur vorm Fenster hat, dann mit Pflanzen drinnen und mit Naturbildern umgeben. Das hilft auch.

 

Altbau-Liebhaber kennen ihn, den Hamburger Knochen. Welche Tipps hast du zum Beispiel für einen langen, schmalen, dunklen Flur?

Ganz allgemein würde ich raten, Licht und verschiedene Zonen schaffen. Eine Zone: Garderobe, eine andere: Regal oder Tischchen mit Büchern und/oder Deko. Mit Spiegeln könnte man auch arbeiten, die vervielfachen das Licht und tragen es weiter in den Raum. Aber konkret müsste ich den Flur „erfühlen“ und natürlich die Bewohner befragen.

Durch soziale Medien, Instagram und Pinterest werfen wir immer mehr Blicke in fremde Wohnungen, lassen uns inspirieren und schielen verstohlen auf Bauhaus-Klassiker gemixt mit Boho Vibes. Verlieren wir damit nicht auch unseren individuellen Stil?

Dass wir uns so sehr für das Thema Wohnen und Einrichten interessieren, hat mit der vuca-Zeit zu tun. Vuca ist ein Akronym für die Begriffe volatile, uncertain, complex, ambiguity. Zuhause ist unser Ort, „an dem wir den Bauch nicht einziehen müssen“ – also so sein dürfen, wie wir sind. Dass wir uns inspirieren lassen, liegt womöglich an den nicht sichtbaren „Wohnwünschen“ und daran, dass wir Teile unserer Persönlichkeit durch bestimmte Einrichtungen unterstreichen möchten. Und natürlich lassen sich alle Stile auch kombinieren. Wir sollten nur darauf achten, dass wir uns nicht zu viel zumuten und zu viel mixen, denn eine Überstimulation kann sehr wohl Stress verursachen.

Unruhige Zeiten fördern also den Rückzug ins Private – das haben uns auch die Biedermeierzeit im 19. Jahrhundert, „cocooning“ in den 90ern und „hygge“ in den 2000er Jahren gezeigt.

Noch weiß man nicht so genau, wie sich unsere Verhalten durch die Krise und die Rückkehr in ein „normales“ Leben verändern werden. Ich hoffe ja, dass dies ein Chance ist, unser Leben und damit auch unser Wohnen optimaler und zukunftsorientierter zu gestalten.

Ich nenne hier ein paar Beispiele, die sich auf das Wohnen auswirken könnten:

Multifunktionalität – nicht nur durch Corona, auch durch die Verdichtung der Städte, der kleiner werdenden Wohnräume sind hier gute Lösungen gefragt. Einige Designer und auch Architekten haben hier schon gute Ansätze gezeigt. Ich persönlich fände es prima, wenn wir alle unsere Räume immer mal wieder umgestalten könnten und da sind Multifunktionsmöbel oder -techniken eine gute Lösung. Und in Zeiten von Krisen und stayathome eine gute Maßnahme, Räume individuell und kurzfristig zu verändern.

Outdoor und Indoor – auch nicht neu, aber aktuell. Drinnen und draußen verschmelzen mehr und mehr. Das ist gut, wenn wir auch mehr Natur in die Innenräume „hereinholen“ und sei es nur optisch. Der Naturbezug hilft uns nachweislich, gesund zu bleiben und Stress zu reduzieren.

Lokal – der Kauf bei regionalen Händlern oder bei Handwerkern und Designern wird stark zunehmen. Qualität und Handwerk sind wieder gefragt. Und wenn man den Produzenten oder die Manufaktur noch kennt, ist das auf jeden Fall die Zukunft! Da wird besonders die blickfang-Messe an Bedeutung gewinnen, denn dort genau versammeln sich die jungen Designer mit guten Ideen und die aus der Region kommen. Niemand will mehr die Produkte, die aus Massenproduktion kommen.

Office to Go – Auch kein neues Thema, aber sehr relevant. Es werden sich möglicherweise die Möbel so verändern, dass man jederzeit ein Büro in der eigenen Wohnung aufschlagen kann. Also klein, flach, multifunktional. Hier können Designer viel erarbeiten. Es wird aber auch zunehmend ein Arbeiten in Coworking-Spaces geben, oder an Hotspots, in Cafes oder Hotel-Lobbies. Das Thema home-Office ist ein eigenes Thema, und nicht unproblematisch aus wohnpsychologischer Sicht.

Gibt es globale Trends, die sich für die Zeit Post Corona bereits rauskristallisieren?

Selten war die Frage so wichtig wie heute: was wird werden? Wir alle wissen um den Klimawandel, wir wissen, dass es ein weiteres Wachstum nicht geben kann, wir wissen, dass die Globalisierung zu Ungleichheiten führt und nun auch noch weltweit Corona. Niemand weiß deshalb zurzeit, was kommen wird. Alles ist offen. Aber einige Sehnsüchte der Menschen führen schon jetzt zu guten Ideen. Wir sollten uns alle fragen, wie wollen wir leben und was ist wirklich wichtig. Und dann gemeinsam mit anderen die Zukunft gestalten.

 

Erika Mierow ist Trendcoach & Wohn- und Architektur-Psychologin, Coach, Mediatorin, Atmosphären-Designerin, Blumen-Liebhaberin, Althippie, Hamburgerin, Mutter, multikulti-interessiert, Feldfrau, und schon lange jung!

Beratungen können auf ihrer Website vereinbart werden www.coachfortrends.com

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